Studien zur Geschichte, Philosophie und Soziologie der Arbeitsverhältnisse, zu Arbeitsethik und Berufsethik


In der griechischen Antike hatte die Arbeit einen denkbar schlechten Stellenwert: Arbeit war eine Existenzform des Sklaven, nicht die des Bürgers. Bei Aristoteles schließen sich Freiheit und Arbeit gegenseitig aus. Ganz anders wird dies in der jüdischen Antike begriffen, in welcher Arbeit als Fortsetzung der Schöpfung, gleichwohl auch als Mühe, der sich selbst Gott nicht entziehen konnte, verstanden wurde. Der jüdische Sozialpsychologe Kurt Lewin - später bekannt geworden als Begründer der Feldtheorie und der Gruppendynamik - beschrieb diese Dialektik in seinem berühmten Ausatz "Die zwei Gesichter der Arbeit" (1920). Doch nach wie vor scheinen sich Negierung und Lobpreisung von Arbeit unversöhnlich gegenüberzustehen.

Für unsere Kultur von großer Bedeutung ist das protestantische Arbeitsethos. Ihm sind sicherlich viele Segnungen, aber auch die tradierte autoritäre Strukturen unserer Arbeitswelt, die distanzlose Unterwerfung unter die Marktgesetze und schließlich die Bereitschaft, das Leiden an Arbeit und Arbeitslosigkeit widerstandslos zu ertragen, geschuldet. Die aktuellen Äußerungen der großen Kirchen – so z.B. die EKD-Denkschrift zur Armut in Deutschland – sind immer noch diesen Traditionen verhaftet. Insbesondere muss die Frage erlaubt sein, ob eine größere Eigenverantwortung auch eine größere Freiheit bedeutet, oder ob die Arbeitenden in den neuen „freieren“ Arbeitsformen vielleicht auch einer Freiheitsillusion aufsitzen und sich in Wirklichkeit noch viel tiefer in ein entfremdetes und entfremdendes Marktsystem verstricken.

Im biographischen Gesamtkonzept des Menschen spielen Arbeit und Beruf eine entscheidende Rolle.  Sie vermitteln - immer noch - soziale Identität, die sich zwischen eigenen Entwürfen und Zeisetzungen einerseits und tradierten Arbeits- und Berufskulturen, ökonomischen Zwängen und Zumutungen andererseits fortlaufend herstellt. Dies führt , bedingt durch Ökonomisierung und Flexibilisierung, zu inneren Zerreißproben. Am Beispiel der Pflegearbeit und anderer personennaher Dienstleistungen ist dies besonders deutlich: Eigene berufsethische Ziele kommen zunehmend in Konflikt mit der von oktroyierten Organisationszielen bestimmten Arbeitsrolle. Die Gefahr des Ausbrennens und psychischer Erkrankungen ist unübersehbar.

 

Ausschnitt aus Kurt Lewin (1920): Die zwei Gesichter der Arbeit
(entnommen dem Lehrbuch von Eberhard Ulich (1994): Arbeitspsychologie. 3. Auflage. Zürich: vdf Hochschulverlag, S. 18 f.)

 

Ausgewählte Veröffentlichungen, Vorträge und Interviews von Wolfgang Hien:

  • Vortrag (1996) vor der Jahresversammlung des Verbandes arbeits- und berufsbedingt Erlrankter: "Die Melancholie der Maler" // Volltext
  • WZB-discussion-paper (2000) zum Thema: Betrieblicher Gesundheitsschutz und betrieblicher Umweltschutz // Volltext
  • Thesenpapier (2006) zum Thema „Neue Autonomie und Freiheit“ Sozialforschungsstelle Dortmund // Link zum Thesenpaper
  • Arbeitspapier (2007) Neue Autonomie in der Arbeit: Quelle neuer Belastungen?  (Arbeitspapier)  // Link zum Volltext
  • Interview mit dem Magazin der Handeskrankenkasse zum Thema Entschleunigung // Link zum Interview
  • Vortrag beim Symposium "Die Lage der akutstationären Krankenpflege in Deutschland" am 1. Juli 2010 in Bremen // Vortragsfolien
  • Aufsatz (2011): Arbeitsverhältnisse und Gesundheitszerstörung der Arbeitenden in Deutschland - Forschungsskizze sowie erste Ergebnisse für die Zeit seit 1970 // Volltext 
  • Der kalkulierte menschliche Kollateralschaden. Die Zerstörung der Persönlichkeit im Neoliberalismus. In: Grundrisse Nr. 43, 2012 // Volltext
  • Zur Geschichte der Sozialversicherung in Deutschland. In: Initiative Solidarisch G'sund (Hg.): Gesundheit für alle. INTRO. Eine Einführung in der Reihe Kritik und Utopie. Mandelbaum, Wien 2013, S. 97-103.
  • Der Beitrag Lufwig Telekys im Kampf gegen gewerbliche Vergiftungen. In: Sozial.Geschichte Online, Heft 11/2013, S. 7-47// Link zum Aufsatz
  • Die Asbestkatatrophe. Geschichte und Gegenwart einer Berufskrankheit. In: Sozial.Geschichte Online, Heft 16/2015, S. 89-128 // Link zum Aufsatz